Der Komiker Reggie Watts im Cyberspace

Reggie Watts ist sowas wie der amerikanische Helge Schneider: der afroamerikanische Künstler vermischt absurde Geschichten mit eigenen Liedern. Sein Auftritt in Virtual Reality soll der Auftakt einer Kooperation zwischen AltspaceVR und Jash darstellen, ein Zusammenschluss der amerikanischen Comedians Sarah Silverman, Michael Cera, Tim and Eric, und Reggie Watts, die mit ihrer Initative zum Ziel haben, Aufnahme und Übertragung von Live-Performances in Virtual Reality zu ermöglichen. 

Der Auftritt des aus Seattle stammenden Reggie Watts in VR fand am 28. Mai 2016 um 20 Pacific Standard Time statt – für interessierte Europäer aufgrund der Zeitverschiebung also um 5 Uhr morgens. Die Location war dabei ein virtueller Club-Raum in Altspace mit einer Bühne und einem dazugehörigen Backstage-Bereich. Die Räumlichkeiten waren vor dem Auftritt mit hohem Aufwand auf ihre Sicherheit hin geprüft worden – kein Benutzer oder Hacker sollte den Auftritt des Künstlers auf der Bühne stören können.

perceiption_neuron_harnessErmöglicht wurde der Auftritt von Reggie in VR mittels zweier technischer Komponenten: zum Einen dem low-cost VR Motion-Capturing System Perceiption Neuron, sowie einer Software-Komponente namens FrontRow, die die Bewegungsdaten nach AltspaceVR übermittelt. FrontRow erlaubt auch die Replikation der Aufnahmestreams, so dass die Performance des Künstlers vervielfacht werden kann. Dies ist eine technische Notwendigkeit für die Betreiber von AltspaceVR, die auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des Systems beachten müssen – die Samsung GearVR.
Das zum Tracking von Reggie Watts verwendete Neuron System ist ein modulares Motion Capturing System aus Japan. Es hat eine erfolgreich doppelt-überzeichnete Kickstarter Kampagne hinter sich. Kernstück des Systems sind die sogenannten Neurons, kleine Trägheitssensoren, die die Bewegungsdaten des Trägers erfassen und an einen zentralen Hub weiterleiten. Der Benutzer eines solchen Systems trägt einen Harnisch an Oberkörper, Beine, Arme und Hände, an dem einzelne Neurons befestigt werden. Der zentrale Hub ist ein kleiner Kasten am Gürtel, er übertragt die gesammelten Daten an den Rechner.

Auf Los geht’s los

Zur Sicherheit wurde der Auftritt in der ersten Etappe nur in einen VIP-Raum mit handverlesenen virtuellen Gästen gestreamt, bevor die Daten vervielfältigt und für die breite Masse in mehrere Instanzen des Club-Raumes weiterkopiert wurden. Das Ergebnis waren somit viele identische und zeitgleiche Auftritte des Künstlers in den virtuellen Club-Räumen von AltspaceVR. 

Reggie_Watts_Altspace

Das Thema Sound stellte ein Problem dar: Live-Auftritte leben bekanntlich von der Interaktion des Künstlers mit dem Publikum. Wie erfährt ein Künstler wie Reggie Watts in VR von der Reaktion seines Publikums? Beim ersten Auftritt war dies so gelöst, dass im Aufnahmestudio bei JashVR ein kleines Publikum anwesend war. Auch wurde sein Auftritt zunächst dem oben erwähnten VIP Raum zugespielt, die quasi stellvertretend für die breite virtuelle Masse ihr Feedback gaben. Ein cleverer Zug der Veranstalter, die somit akustische Störungen durch das Publikum für den Künstler weitestgehend ausschliessen konnten.

Was ist mit Störern?

Störungen hätte es auch in den virtuellen Auftrittsräumen für die Gäste untereinander geben können: wie verhindert man etwa, dass einige wenige laute Benutzer den Auftritt des Künstlers durch ständiges Zwischenrufen oder eingespeister Musik für andere ruinieren? Hier sind mehrere Strategien denkbar – im Falle von Reggie Watts hatte AltspaceVR mehrere Moderatoren in die virtuellen Auftrittsräume entsendet, die als Aufpasser störende Benutzer ermahnten, ihre Mikrophone abschalteten und bei Bedarf auch aus dem Event durch einen virtuellen Kick entfernten. Andere Alternativen wären gewesen, die Lautstärke aller Nutzer zu reduzieren oder für alle Anwesenden das Mikrophon zu sperren – dies aber dann auf Kosten der beliebten Konzertatmosphäre..

Die Möglichkeiten

Alleine bis hier sind schon eine Menge interessanter Fragen in Bezug auf Live-Auftritte in Virtual Reality aufgeworfen worden:

  • Kann man noch von einem Live-Auftritt sprechen, wenn die Performance des Künstlers über verschiedene Räume hinweg dupliziert wird?
  • Wo steht der richtige Künstler, wie kann ich als Teil des Publikums mit ihm interagieren?
  • Ist es denn noch ein richtiges Konzert – als Zuschauer kann ich es von einer Aufnahme nicht mehr unterscheiden?
  • Wie reagieren die Künstler darauf, dass Ihnen das Publikum entzogen wird, oder vom Veranstalter kontrolliert wird? 
  • Wem gehören die Verwertungsrechte eines solchen Auftritts eigentlich?
  • Wem gehören die Rohdaten der Performance: dem Künstler, dem Veranstalter, dem Betreiber der technischen Plattform?


Wem diese Fragen kleinlich erscheinen: die Klärung nach den Rechten der Aufführung ist direkt mit denen der Monetarisierung verknüpft. Im Falle des AltspaceVR Events etwa liegen die Verwertungsrechte weiterhin beim Künstler Reggie Watts, nur wird dieser ohne die zusätzliche technische Infrastruktur (FrontRow, sowie und AltspaceVR) kein zusätzliches Kapital daraus generieren können. Dies steht zum Beispiel im Gegensatz zu Konzert-DVDs von Musikgruppen, die sich darüber oft ein weiteres Einkommen sichern. 

Unter ökonomischen Aspekten ist es für einen Veranstalter auch interessant, dass man einen Auftritt für eine beliebige Anzahl von Benutzer anbieten kann – weg mit der Miete für die Hallen, weg mit all dem teuren Material, der Security, den teuren Sicherheitsauflagen und Scherereien vor Ort. Auch kann der Auftritt mehrfach verkauft werden, einmal als Live-Event mit einer klassischen Eintrittsgebühr (durch AltspaceVR noch nicht erhoben), sowie durch den Verkauf von Aufnahmen. Anstatt sich wie früher eine DVD zu kaufen, kann man sich das Original-Event als Wiederholung ansehen, oder auch käuflich erwerben: die heutigen Miet- und Verleih-Angebote des iTunes Store und Amazon Video lassen konzeptionell grüßen.

Virtuelle Ausblicke

reggie-watts-may-26-gifAuch technisch lassen sich weitere Szenarien entspannen: zur Zeit bietet AltspaceVR nur stilisierte Avatare für die Benutzer an. Reggie Watts hatte für seinen eigenen Auftritt einen eigenen Avatar modelliert bekommen, der ganz im AltspaceVR Look war. Auf ihn wurden die Bewegungsdaten übertragen. Leider betraf das nicht die Gesichtsmimik – Reggie Watts Avatar schaute ständig gleich drein. Dies hätte man leicht per motion capturing oder per streamender Videotextur realisieren können, die auf das Gesicht gemappt wird. Auch in Sachen Live-Übertragung liesse sich noch einiges draufsatteln: zwar streamte AltspaceVR das Event in die eigenen virtuellen Räume, hatte aber vorsorglich auch einen Live-Youtube-Stream eingerichtet, an dem Interessenten den Auftritt im Browser oder in einer App mitverfolgen konnten. In Zukunft wird es dann vielleicht dank Software wie NVidia Ansel möglich sein, 360 Grad Selfie-Photos von sich selbst auf dem Konzert zu schiessen, oder direkt Video in 360 Grad zu streamen, anstatt nur einen platten 2D Stream per Twitch oder Youtube auszusenden.

Reaktionen und Kritik

Technisch gesehen war dieses Event kein wirklicher Erfolg – zuviele Kinderkrankheiten trübten den Auftritt: zu den Serverproblemen mit FrontRow bei der Aufzeichnung kamen zahlreiche Audio-Dropouts, die in AltspaceVR ein bekanntes Phänomen sind. Auch berichten viele User, dass Sie Reggie Watts entweder gar nicht oder nur mit 20 minütiger(!) Verspätung auf der Bühne gesehen hätten. Ein Tweet von Eric Romo, dem Gründer von AltspaceVR, bestätigt die Überforderung der technischen Plattform:

Trotzdem verziehen viele der Besucher AltspaceVR gütig diese Fehler und machten stattdessen Ihre Begegnungen zum Höhepunkt des Abends – viele Blogger schrieben enthusiastisch über interessante Kontakte und Konversationen, die sie mit anderen Benutzern gehabt hätten.

Viele von Ihnen sehen enormes Potential in dieser Form der sozialen Interaktion. Für Sie ist AltspaceVR als Betreiber der Plattform der Gewinner des Abends. Somit rückt das eigentliche Event eher in den Hintergrund – und die sozialen Interaktionen der Nutzer in den Vordergrund.

Nachtrag

Man sollte annehmen, dass AltspaceVR und JashVR das Event zumindest PR-mässig zu ihren Gunsten ausgeschlachtet hätten. Seltsamerweise findet sich aber auf den Webseiten der beiden Veranstalter offiziell keinerlei Nachlese – lediglich eine dürre Email ging an registrierte Nutzer hinaus.

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Man kann darüber spekulieren, ob dies der kleinen Größe oder der Unerfahrenheit der beteiligten Firmen zu verdanken ist, oder ob die technischen Probleme dazu geführt haben, dass die beiden Firmen vielleicht verschämt darüber schweigen, aber das Ausbleiben einer öffentlichen Reaktion verwundert allemal – sind es doch gerade sonst US-Firmen, die sich in Ankündigungen mit Superlativen überschlagen. AltspaceVR hat als ersten Folge-Event jedenfalls einen Fireside-Chat mit Ihrem CEO Eric Romero für den 10. Juni 2016 angekündigt – wahrscheinlich ohne Motion Capturing Technologie.